Als 4. und letzte der Unternehmenskulturformen wollen wir heute die Wanderkultur vorstellen.
Von einer Wanderkultur spricht man, wenn es im Unternehmen nicht vorgesehen ist, dass die Mitarbeiter sich dort jahrelang aufhalten. Vielmehr legt man Wert auf ständig frisches Personal mit neuen Ideen und möglichst bescheidenen Gehaltswünschen. Das Unternehmen ist einer Karawanserei vergleichbar. Mitarbeiter fangen an, bleiben drei bis maximal fünf Jahre und ziehen weiter. Die einzig stabilen Faktoren sind meist der Gründer
und seine Sekretärin. Nicht selten brüsten sich solche Unternehmen mit dem Hinweis auf ein sehr niedriges Durchschnittsalter der Mitarbeiter. Das soll für Modernität und Flexibilität stehen. Tatsächlich wird in den meisten Fällen sehr traditionell und patriarchalisch geführt.
Typische Wanderkulturen gibt es in der Werbebranche, in Fast-Food-Ketten, in großen Hotels, in Unternehmensberatungen mit begrenztem Markterfolg (wenn Dschungel- und Stadtkultur nicht erreicht werden), in Psychosekten und in den neuen Minifirmen rund um TV-Sender bzw. Shows.
Vorteil der Wanderkultur ist die hohe Beweglichkeit am Markt. Außerdem haben Mitarbeiter gute Chancen, über ihr Fachgebiet hinaus viel Erfahrung für ihre berufliche Zukunft zu sammeln. Die Stimmung in diesen Unternehmen ist meist fröhlich, kollegial und optimistisch. Alle sind gleich jung, haben ähnliche Ziele und möchten Spaß bei der Arbeit.
Nachteil der Wanderkultur ist die berufliche und oft auch soziale Unsicherheit. Häufig sind Mitarbeiter nur freiberuflich eingestellt und können von einem Tag auf den anderen wieder auf der Straße stehen. In den entsprechenden Branchen wird firmenübergreifend viel getratscht. Niederlagen von Einzelpersonen sprechen sich schnell herum und mindern den persönlichen Marktwert. Ein anderer Nachteil kann sein, dass Firmen oft ebenso schnell vom Markt wieder verschwinden, wie sie vor wenigen Jahren aufgetaucht sind. Teamwork wird in Wanderkulturen besonders groß geschrieben. Man lebt tatsächlich Kollegialität und die möglichst vorurteilsfreie Zusammenarbeit auf gemeinsame Ziele hin. Personen mit verschiedenen Fachgebieten arbeiten Hand in Hand und begegnen sich mit offener Freundlichkeit. Man denke nur daran, wie bei einer TV-Produktion Beleuchter und
Kostümbildner, Schauspieler und Tontechniker, Kameraleute und Requisiteure in Teams zusammenarbeiten. Auch Stress, Wutausbrüche und sogar Beschimpfungen führen nicht zu dauerhaften Feindschaften. Eine Zusammenarbeit quer über die Grenzen von Hierarchien, Fachgebieten und Gruppen hinweg wäre zum Beispiel in der Stadtkultur der Deutschen Bank oder bei Siemens undenkbar.
Vieles, was in der Wanderkultur mit gemeinsam gerauchten Zigaretten oder gemeinsam geleerten Sektflaschen einfach weggespült wird, bedarf in der Stadtkultur ernster Krisengespräche mit Anklagen, Beweisführungen, Schuldermittlungen und Genugtuungen. In der Dorfkultur würden solche Vorkommnisse zum Rausschmiss führen, in der Dschungelkultur zu neuen Grabenkriegen und Intrigen. Trotzdem sollte man nicht auf die Scheinfröhlichkeit und Scheinkollegialität der Wanderkultur hereinfallen. Hinter der schönen Fassade der progressiven Welt wird mit harten Bandagen gekämpft. Jeder weiß, dass man nur wenige Jahre Zeit hat, dieses Leben zu genießen, und dass nicht jeder den Sprung in eine gesicherte berufliche Laufbahn
schafft.
Statt sich auf Teamgeist zu verlassen, sollte man lieber Beziehungen innerhalb der Branche aufbauen, so viele Leute wie nur möglich auch in anderen Unternehmen kennen und immer genau wissen, wer gerade wo welche Position oder Machtstellung hat. Außerdem muss man oberflächlich und diszipliniert genug sein, um auch mit Menschen ganz wundervolle Beziehungen zu pflegen, die man in Wirklichkeit nicht ausstehen kann.
Quelle: Hedwig Kellner: Die Teamlüge. Von der Kunst, den eigenen Weg zu gehen, Eichborn Verlag Frankfurt 1997 - ISBN 3-8218-0506-4






